In Australien leben Hunderte Millionen Wildkaninchen. Warum werden sie nicht in großem Stil verzehrt?

Stellen Sie sich ein Land vor, in dem Hunderte Millionen Kaninchen frei durch riesige Gebiete streifen. Es erschiene logisch, diesen Überfluss in preiswertes Fleisch zu verwandeln. Doch in australischen Supermärkten ist Kaninchenfleisch nach wie vor selten und oft überraschend teuer. Warum gibt es so viel „kostenloses“ Fleisch, aber so wenig davon in den Verkaufsregalen?

Wie 24 Kaninchen Australien veränderten

Die Geschichte begann im 19. Jahrhundert. Im Jahr 1859 setzte ein Siedler namens Thomas Austin etwa 24 aus Europa mitgebrachte Kaninchen auf seinem Land aus. Er wollte sie ursprünglich zur Jagd nutzen.

Die Tiere fanden jedoch geradezu ideale Bedingungen vor. Weite, offene Flächen, üppige Vegetation und vergleichsweise wenige natürliche Fressfeinde ermöglichten es den Kaninchen, sich rasend schnell zu vermehren.

Innerhalb weniger Jahrzehnte hatten sie sich über ein riesiges Gebiet ausgebreitet. Die Kaninchen vernichteten die Vegetation, konkurrierten mit Nutztieren um Futter, schädigten den Boden und fügten der Landwirtschaft schweren Schaden zu.

Was als Freizeitvergnügen bei der Jagd begann, machte sie schließlich zu einer der berüchtigtsten Plagen Australiens.

Warum werden Wildkaninchen nicht als Nahrungsmittel genutzt?

Das Hauptproblem ist ihr Status. Seit Jahrzehnten bekämpft Australien die Kaninchen durch Abschuss, Fallenstellen, Einzäunungen und biologische Maßnahmen. Folglich verbinden viele Australier das Kaninchen eher mit einer Bedrohung für die Umwelt als mit einer Mahlzeit.

Doch selbst wenn man von der öffentlichen Wahrnehmung absieht, spielen wirtschaftliche Faktoren eine Rolle.

Die Wildtiere sind über ein riesiges Gebiet verstreut. Sie müssen aufgespürt, erlegt, untersucht, verarbeitet, gekühlt und an den Verbraucher geliefert werden. All dies erfordert Arbeitskräfte, Transportmittel, Ausrüstung und strenge hygienische Kontrollen.

Im Ergebnis erweist sich das „kostenlose“ Kaninchen als alles andere als kostenlos.

Und warum züchtet man Kaninchen nicht auf Farmen? Auch die Zucht ist mit Kosten verbunden. Hauskaninchen müssen vor Krankheiten geschützt werden, die sich von Wildpopulationen aus verbreiten können. Dies erfordert strenge Biosicherheitsmaßnahmen, tierärztliche Überwachung und spezielle Haltungsbedingungen.

Auch die Nachfrage ist ein Thema. Wenn Verbraucher nicht daran gewöhnt sind, regelmäßig Kaninchenfleisch zu kaufen, tun sich Erzeuger schwer damit, kosteneffiziente Lieferketten im großen Stil aufzubauen.

Daraus ergibt sich ein echtes Paradoxon: Auch wenn Kaninchen in freier Wildbahn in riesiger Zahl vorkommen, ist ihre Verarbeitung zu einem sicheren, erschwinglichen Massenprodukt weitaus komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint. Die Erfahrungen in Australien zeigen deutlich, dass ein Überfluss an Tieren nicht zwangsläufig zu einem Überfluss an billigem Fleisch führt. Manchmal ist der am leichtesten verfügbare Rohstoff in der Verarbeitung am teuersten.