Ethan lernte Nora zufällig über gemeinsame Freunde bei einem Klettertrip kennen. Der Trip war als entspanntes Abenteuer geplant: Seile, Sicherung, ein paar Routen und ein gemütlicher Abend am Lagerfeuer.
Anfangs fühlte sich alles vertraut und sicher an. Doch in den letzten Wochen drehten sich die Gespräche immer mehr um einen neuen Schwierigkeitsgrad. Freiklettern war keine abstrakte Idee mehr – es war der nächste Schritt.
Diese Route war nicht leichtsinnig. Sie hatten sorgfältig eine Wand ausgewählt, die höchste Konzentration und Selbstvertrauen erforderte.
„Ich glaube, wir sind bereit“, sagte Ethan leise und verbarg seine Anspannung nicht. Der Aufstieg begann zuversichtlich. Der Fels kühlte seine Handflächen, Kreide bröckelte an seinen Fingern, sein Atem vermischte sich mit dem Wind. Und plötzlich vernahm Ethan ein Geräusch, das da nicht hingehörte.
Zuerst hielt er es für einen Luftzug. Doch das Geräusch wiederholte sich.
„Nora … hast du das gehört?“
Sie erstarrte. Es klang wie das Knarren einer Tür – gedämpft, geschlossen, zu nah.
„Hier kann nichts sein“, flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu irgendetwas anderem.
Da bemerkte Ethan eine seltsame Markierung im Felsen – einen dünnen, glänzenden, blassrosa Streifen. Kein Rost. Kein Schmutz. Etwas anderes.
Ein weiteres Geräusch kam von oben. Diesmal ein gedämpftes Murmeln. Menschliches.
Während sie kletterten, zeichnete sich der Schatten im Stein deutlich ab. Rechte Winkel. Fremdartig. Und dann sahen sie es.
Die Hausfassade war in den Felsen hineingebaut.
Eine alte, vom Alter vergraute Holztür, fest im Kalkstein eingelassen. Am Rand das Metall des Daches, als wäre es halb vom Berg absorbiert worden. Zu beiden Seiten spiegelten echte Fenster mit trübem Glas den Himmel.
Sie erreichten einen schmalen Felsvorsprung – einen kaum wahrnehmbaren Steinstreifen vor dem Eingang.
„Ist da jemand?“, rief Nora. Es kam keine Antwort.
Drinnen wirkte alles alt, aber nicht verlassen. Steinstufen führten tiefer in den Berg hinein. Die Luft war feucht und roch nach Erde und etwas Süßem.
Und plötzlich – Schritte. Nicht vor ihnen. Über ihnen. Schnell, schwer. Jemand rannte.
Nora schrie auf. Sie sprang nach oben, und Ethan schaffte es gerade noch, sie an den Armen zu packen und hochzuziehen. In diesem Moment ertönte ein scharfer Knall – und der verzweifelte Schrei eines Mannes, der mitten im Satz abbrach.
Sie eilten dem Geräusch entgegen.
Ein Mann hing kopfüber am Rand eines kleinen Beckens, ein Fuß in einer Schlinge aus dichten Ranken verheddert. Er sah sie mit einer Mischung aus Erleichterung und Verlegenheit an.
„Gott sei Dank …“, hauchte er. „Ich dachte schon, ich falle rein.“
Während Nora vorsichtig den Knoten löste, konnte Ethan nicht anders, als zu fragen:
„Sie … wohnen hier?“ Der Mann lachte leise.
„So könnte man es sagen.“
Als sie ihn befreiten, landete er ungelenk, lachte und rieb sich den Rücken. Ein süßlicher, stechender Duft umgab ihn.
„Hast du getrunken?“, fragte Ethan vorsichtig.
„Ich bin herumgewandert“, korrigierte er sich. „Wilde Trauben. Ein bisschen zu viel.“
Dann ergab alles einen Sinn: die Weinreben, die Hängematte, die Schritte, das Geräusch.
„Ich springe in den Teich“, gab er zu. „Das macht den Kopf frei. Ich wollte es heute nochmal versuchen … aber ich habe das Gleichgewicht verloren.“
Der Wasserfall rauschte in der Nähe, und die Angst verflog allmählich. Das Haus im Felsen schien keine Bedrohung mehr zu sein – nur noch das seltsame, einsame Leben eines Menschen.
Als sie wieder hinabstiegen, war der Berg wieder nur ein Berg. Doch der Gedanke blieb.
Irgendwo im Inneren des Felsens lebt jemand still, freiwillig, fernab der Welt.
Und nicht alle Orte sind dazu bestimmt, gefunden zu werden. Und manche Geschichten bleiben besser dort, wo sie sind.